09.11.2017 (Leserbrief) Am Detail erkennt man die Krankheit des Ganzen

Quelle: http://www.mt.de/lokales/leserbriefe/21972932_Am-Detail-erkennt-man-die-Krankheit-des-Ganzen.html

veröffentlicht

Betr.: Leserbrief „Not der Pendler im Sturm“, MT vom 31. Oktober

Ich fahre seit 1941 als Schüler, Student, beruflich und privat mit der Bahn. Fliegen kam für mich nur in Frage, wenn es keine andere Möglichkeit gab. Im Zug konnte man arbeiten, entspannen oder im Speisewagen etwas genießen. Nicht selten lernte man auch nette Menschen kennen.

Durch Selbsterleben, Beobachtungen und Gespräche möchte ich versuchen, die Gründe für die geschilderten „Pannen“ zusammenzustellen.

Am 18. Januar 2007 haben meine Frau und ich die Auswirkungen des Orkans Kyrill in Köln selbst miterleben müssen. Im Zug aus Richtung Koblenz kam vor Bonn die Durchsage, dass wegen des Orkans der Zug nur bis Bad Godesberg fahre. Wir wechselten zur parallelfahrenden Rheintalbahn und kamen bis kurz vor Köln. Uns wurde bewusst, dass kein Weiterkommen möglich war und suchten uns ein Hotel. Am nächsten Morgen gelangten wir mit der Straßenbahn bis zum Hauptbahnhof. Es gab keine Information, wie man weiterkommen konnte. In der „schlechten Zeit“ gab es die Regel: Immer den nächsten Zug in Richtung zum Ziel nehmen. Da ich noch guten Erdkundeunterricht genossen hatte, wusste ich, dass man auch linksrheinisch nach Duisburg gelangen kann. So praktizierten wir „Zughüpfen“ (heute wichtigtuerisch: Trainhopping) und kamen doch noch nach Minden. Bei allem Miesen hatten wir ein unvergessliches Erlebnis: Man half sich wie damals gegenseitig, tauschte die Plätze und bot zum Beispiel Bonbons an. Zum Glück hatten wir nicht wie damals Jabo-Angriffe zu erwarten. Not macht hilfsbereit, Überfluss egoistisch!

Warum nun dieses Informationsdefizit? Früher gab es Oberbetriebsleitungen. Sie regelten den gestörten Betriebsablauf bei Verspätungen oder Unfällen. Die Aufräumarbeiten bei Unfällen erledigten erfahrene Eisenbahner. Ihr Einsatzleiter hatte Befehlsgewalt, aber auch die Verantwortung. Alle Meldungen liefen bei einer Oberbetriebsleitung zusammen, die so den Überblick hatte und die Bahnhöfe informierte. Nach der Privatisierung wurden diese Stellen aufgelöst, und jeder Fachbereich arbeitet nun für sich allein. Hinzu kommt, dass die Aufräumarbeiten von Privatfirmen ausgeführt werden, die mit dem Eisenbahnbetrieb wenig vertraut sind. Dies erklärt auch, warum unser Zug beim Sturm Kyrill nicht bis wenigstens neben der noch verkehrenden Rheintalbahn zum Knoten Bonn weitergefahren ist und beim letzten Sturm die Züge hier nicht wenigstens bis Hannover verkehrten.

Dass die Aufräumarbeiten beim letzten Sturm so lange dauerten, hat einen Grund: Früher gab es die Vorschrift, dass die Bahnstrecken im V-Schnitt vom Baumbewuchs freizuhalten sind. Der Präsident und spätere Vorstandsvorsitzende Heinz Dürr (1991-1997) hat diesen V-Schnitt aus Kostengründen untersagt. Nun hat sich dies bitter gerächt, und die Bahnkunden mussten es ausbaden.

Aufschlussreich dürfte auch der Grund sein, warum bei Bauarbeiten heute ganze Strecken gesperrt werden und wie früher kein eingleisiger Betrieb mehr durchgeführt wird. Bei eingleisigem Betrieb werden die Züge nach Prioritäten durchgeleitet, andere werden umgeleitet. Da heute dank Privatisierung Züge von mehreren Unternehmen verkehren, kann man keine Prioritäten mehr setzen, ohne zu diskriminieren. Also lässt man alle leiden. Dies ist die Folge der Privatisierung von Infrastruktur, was immer ein Verschleudern von Volksvermögen bedeutet, das Generationen zuvor erarbeitet haben.

All diese heutigen Mängel hat folglich die Politik zu verantworten. Unten geschieht nichts, was von oben nicht angeordnet worden ist, geduldet oder heimlich begrüßt wird.

Wir haben es weit gebracht, oder nach der Aussage von US-Präsident Roosevelt, dass nichts in der Welt passiert, ohne dass jemand seine Hand im Spiel hat, zutreffender: „Wir sind so weit gebracht worden“.

Udo Knau, Minden

Copyright © Mindener Tageblatt 2017

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Presse-Blog Rheintalbahn veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu 09.11.2017 (Leserbrief) Am Detail erkennt man die Krankheit des Ganzen

  1. Michael Stelter schreibt:

    So ist halt nicht jede Entwicklung positiv
    Es fehlt oft der Mut etwas zurückzusetzen. Michael Stelter Freiburg

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s