30.8.2017 (Gundelfingen) Schlafen bei offenen Fenstern

Quelle: http://www.badische-zeitung.de/denzlingen/schlafen-bei-offenen-fenstern–141198075.html

Nach der Gleisabsenkung bei Rastatt haben Bahn-Anlieger in Gundelfingen und Denzlingen mehr Ruhe.

  1. Ganz neu erleben die Anlieger Christof Paul und Manfred Cremer an der Rheintalstrecke in Gundelfingen die Nachbarschaft zur Verkehrsader, seitdem dort keine Güterzüge mehr fahren Foto: Markus Zimmermann

  2. Ihre gemütliche Terrasse kann Eva Hartje ganz neu genießen, seitdem auf der benachbarten Rheintalstrecke keine Güterzüge mehr fahren Foto: Markus Zimmermann

  3. Ganz neu erleben die Anlieger Christof Paul und Manfred Cremer an der Rheintalstrecke in Gundelfingen die Nachbarschaft zur Verkehrsader, seitdem dort keine Güterzüge mehr fahren Foto: Markus Zimmermann

  4. Ihre gemütliche Terrasse kann Eva Hartje ganz neu genießen, seitdem auf der benachbarten Rheintalstrecke keine Güterzüge mehr fahren Foto: Markus Zimmermann

GUNDELFINGEN/DENZLINGEN. Für manche ist es, als wäre es ein wunderbarer Traum, Nachbarn haben es noch gar nicht so richtig wahrgenommen, doch eines steht für Anlieger an den Gleisen der Rheintalbahn fest: Seit dem frühen Mittag des 12. August ist die Welt für sie eine ganz andere. Seitdem sich bei Rastatt die Gleise senkten und den Zugverkehr einschränkten, erleben die Menschen an der Rheintalbahn Sommertage und -abende und vor allem laue Nächte ganz ohne das Rumpeln vorbeirauschender Güterzüge.

„Kommen sie rein, nehmen sie Platz“, lädt Jürgen Lössle spontan ein, sich von der aktuellen Situation für die Bahnanlieger ein Bild zu machen. 27 Jahre wohnt er schon an der Bahnhofstraße in Denzlingen. Haus und Garten liegen zwischen Straße und Gleisen in der grünen Idylle in Blickrichtung Lärmschutzwand, hinter der vorbeifahrende Züge gerade noch mit der Oberkante erkennbar sind, wie Lössle erklärt: „Uns geht es hier auch bei normalem Zugverkehr zehnmal besser als an einer gut befahrenen Straße.“

Klar höre man die Züge. „Wenn Güterzüge vorbeifahren und wir sitzen im Sommer draußen, müssen wir halt ein paar Sekunden den Mund halten, um den Gesprächsfaden nicht zu verlieren“, beschreibt er die für ihn deutlichste Beeinträchtigung, die vorübergehend – voraussichtlich bis 7. Oktober – hinfällig ist. Was gut drei Jahrzehnte nicht möglich war, geht nun: Nach Hitzetagen kann nun auch die Balkontür des Schafzimmers, das zur Bahnlinie hin liegt, offen sein.

Störender als den Lärm der vorbeirauschenden Züge empfindet Lössle so oder so die Vibrationen, die im Haus auch schon mal Lampen zum Schaukeln bringen. „Die sind mit den Lärmschutzwänden, wohl wegen der tiefen Fundamente, noch spürbarer geworden“, sagt Lössle. Den vorbeifahrenden Zügen kann der Bahnanlieger durchaus auch Positives abgewinnen. Wenn er keine Uhr zur Hand habe, orientiere er sich an den Personenzügen und ICEs, die er gar nicht als störend empfindet. „Man gewöhnt sich“, sagt er zum Bahnlärm. Das sei dann aber auch der Grund, weshalb er schnell gemerkt habe, dass irgendetwas anders ist. „Es war so verdammt ruhig.“

Initiative sieht sich bestärkt in Forderung nach Lärmschutz

Während Lössle die neue Situation relativ gleichgültig nimmt und Anna-Maria Elfenthal, die nach 45 Jahren in Nachbarschaft der Bahn mit offenem Fenster schläft, sogar davon spricht, dass ihr etwas fehle, bekennt Eva Hartje in der selben Straße: „Ja, ich genieße es, auch wenn es für die Bahn eine Tragödie ist.“ Genüsslich nimmt sie in der Sofaecke auf der offenen Terrasse Platz, kann dieses gemütliche Plätzchen im Sommer 2017 ganz besonders genießen und vor allem nachts auch die Schlafräume lüften. Derweil sie sich bei üblichem Bahnverkehr gelegentlich genötigt sah, mit Ohrenstöpseln zu schlafen. „Zuglärm macht aggressiv“, sagt sie. Zurzeit lebe es sich als Bahnanlieger ziemlich entspannt.

Dass der Lärm der Züge nicht nur aggressiv, sondern regelrecht krankmacht, davon sind Christof Paul und Manfred Cremer in Gundelfingen überzeugt. Die Vorstände der Bürgerinitiative, die sich unter anderem gegen die Lärmbelastung an der Bestandstrasse engagieren, berufen sich dabei auf ein Lärmschadensgutachten und genießen auch aus diesem Grund momentan eine ganz „neue Lebensqualität“. Paul wurde davon überrascht, als er aus dem Urlaub zurückkam und ein ruhiges Zuhause vorfand, wie er es seit 20 Jahren noch nie hatte. Manfred Cremer erlebte den Einbruch der plötzlichen Ruhe unvermittelt. „Wir waren am Austausch der Fenster, das Haus war offen und plötzlich herrschte Ruhe“, erklärt er.

Nicht nur, dass die Kämpfer gegen den Bahnlärm nun den fast schon paradiesischen Zustand in vollen Zügen genießen. Darüber hinaus sehen sie sich bestärkt in der Forderung nach einem Lärmschutz an der bestehenden Trasse. „Gerade jetzt ist regelrecht spürbar, was für einer Belastung wir täglich ausgesetzt sind“, betont Paul. Momentan wie im Paradies lebend erwarten Paul und Cremer nach dem 7. Oktober wieder den Lärm. So wie zurzeit werde es auch dann nicht, wenn in noch unabsehbarer Ferne irgendwann das Dritte- und Vierte Gleis realisiert seien. „Auch dann wird die Bestandsstrecke noch vom Güterverkehr befahren, wenn auch weniger, und da macht der geforderte Lärmschutz Sinn“, betonen sie. Ganz abgesehen von der Zeit bis es soweit sei.

Auf der anderen Seite der Gleise ist seit 1983 Bernhard Dechant zu Hause. „Super, unvergleichlich“, genießt auch er die Ruhe im Garten. „Es ist nicht unangenehm, von den Güterzügen nicht belästigt zu werden“, freut er sich darüber, dass das Wohnen am Bahnhof, was ja auch klare Vorteile habe, nun vorübergehend ohne die Belastung möglich ist. Nachbar Martin Fischer, begeisterter Eisenbahnfreund, erlebt es ähnlich. Gerade weil die Güterzüge, insbesondere die, in denen noch nicht modernisierte Wagons mitrollen, signifikant lauter seien, sei die aktuelle Situation „ein Vorgeschmack auf Zeiten“, die er hofft, noch erleben zu dürfen.

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