23.08.2017 Verkehrsexperte zur Sperrung der Rheintalbahn: Strecke aus dem Kalten Krieg als Alternative?

Quelle: https://www.swr.de/swraktuell/bw/matthias-lieb-vom-verkehrsclub-deutschland-zur-sperrung-der-rheintalbahn-bei-rastatt/-/id=1622/did=20145720/nid=1622/1bnqbwl/index.html

Wegen der Sperrung der Rheintalbahn kommt es nach wie vor zu erheblichen Behinderungen. Matthias Lieb vom Verkehrsclub Deutschland (VCD) spricht im SWR-Interview über die aktuelle Lage – und mögliche Lösungen.

Zahlreiche Güterwaggons stehen am 14.08.2017 auf Abstellgleisen auf dem Rangierbahnhof in Mannheim.

Von der Sperrung der Rheintalstrecke ist vor allem der Güterverkehr betroffen (Archiv)

SWR Aktuell: Die Rheintalbahn ist zwischen Rastatt und Baden-Baden bereits seit zehn Tagen gesperrt. Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage?

Matthias Lieb: Man muss sagen, dass der Personenverkehr so einigermaßen funktioniert, wenngleich die Information für die Fahrgäste durchaus verbesserungswürdig ist. Beim Güterverkehr sieht es viel schlechter aus, weil es da keine vernünftige Umleitungsstrecke gibt. Da müssen die Güterzüge teilweise mehrere hundert Kilometer Umwege fahren auf Strecken, auf denen ebenfalls zum Teil Bauarbeiten stattfinden. Das heißt, die Güterverkehrsunternehmen haben hier enorme Mehrkosten und einen enormen zeitlichen Mehraufwand.

Sehen Sie eine bessere Lösung?

Es gab früher eine Bahnlinie, die direkt in Rastatt abzweigte und zehn Kilometer weiter über eine Brücke nach Frankreich führte. Sie ist inzwischen brachliegend, aber die Gleise liegen noch. Die Strecke wurde noch zu Zeiten des Kalten Krieges von der NATO mitfinanziert und so konstruiert, dass sie im Notfall binnen 24 Stunden bereit gemacht werden konnte. Man könnte jetzt im Prinzip auch versuchen, die Strecke innerhalb von 24 Stunden zu reaktivieren. Das wäre dann eine kurze Umleitungsstrecke für den Güterverkehr von Rastatt nach Straßburg und wieder zurück nach Kehl und Offenburg.

Matthias Lieb

Matthias Lieb, baden-württembergischer Landesvorsitzender im Verkehrsclub Deutschland (VCD)

Warum wurde das nicht bereits so versucht?

Dazu müsste man zuerst die Strecke wieder herrichten, es wären viele verschiedene Akteure beteiligt und da meint man wahrscheinlich, das wäre zu aufwändig. Das ist sicherlich richtig, dass es sehr aufwändig wäre, aber je länger sich das hinzieht, desto stärker sollte man sich diese Option ansehen.

Gäbe es nicht auch die Möglichkeit, den Verkehr über französische Strecken umzuleiten, die man nicht extra reaktivieren müsste?

Natürlich gibt es im Rheintal nördlich von Straßburg zwei Strecken, die nach Deutschland führen. Das ist einmal die Strecke von Straßburg nach Lauterbourg und weiter nach Wörth und zum anderen die Strecke von Straßburg nach Wissembourg und weiter nach Winden. Das sind beides nur Dieselstrecken. Sie sind also nicht elektrifiziert und sie schließen in Deutschland an Strecken an, die nur eingleisig sind, wodurch natürlich die Durchlassfähigkeit begrenzt ist. Aber zumindest einige Züge könnte man durchbekommen, möglicherweise müsste man dafür dann aber Personenzüge ausfallen lassen.

Wäre es im Hinblick auf die technischen Standards überhaupt ohne Weiteres möglich, Züge über französische Strecken umzuleiten?

Es gibt in Frankreich ein anderes Zugsicherungssystem, das die deutschen Lokomotiven typischerweise nicht haben, so dass man dort französische Loks einsetzen müsste. Außerdem gibt es dort in den Bereichen, die elektrifiziert sind, ein anderes Stromsystem als bei uns. Das macht den grenzüberschreitenden Verkehr leider sehr aufwändig. Im Rheintal fahren viele private Bahnunternehmen, die auch nur wenige Loks haben. Diese bräuchten in Frankreich von der französischen Staatsbahn Lokomotiven gestellt, damit sie dort fahren könnten.

Warum sind die technischen Standards in Frankreich und Deutschland so verschieden?

Sie haben sich im Lauf der Jahrzehnte so entwickelt. Früher sah der grenzüberschreitende Verkehr so aus, dass an der Grenze die Lokomotiven und das Personal ausgewechselt wurden. Da waren die Unterschiede nicht das große Problem. Heute will man die Züge durchgehend fahren lassen und stellt fest, dass das nicht geht.

Gibt es keine Bestrebungen zu einer Vereinheitlichung?

Die EU hatte eigentlich schon vor 20 Jahren ein europäisches Zugsicherungssystem vorgeschlagen, das auch eingeführt werden sollte. Das kommt allerdings nur sehr langsam voran. Die Schweiz ist da schon relativ weit, auf den Neubaustrecken in Frankreich wird es jetzt auch umgesetzt. In Deutschland wird es auf der Strecke Halle, Erfurt und weiter nach Nürnberg in Betrieb gehen. Aber auf den Hauptachsen, auf denen heute die meisten Güterzüge fahren, ist es in Deutschland eben noch nicht umgesetzt. Es würde noch einige Milliarden kosten, damit es umgesetzt werden kann. Da ist also Deutschland sehr stark im Verzug.

An der Baustelle des Bahntunnels Rastatt (Baden-Württemberg) sind am 17.08.2017 bei Niederbühl helle Betonflächen zu sehen.

Bei Rastatt sind die Gleise abgesackt. In eine Tunnelröhre unterhalb der Trasse waren Wasser und Erdreich eingedrungen (Archiv)

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