19.07.2017 Geräuschpegel am Mittelrhein noch immer bis zu 100 Dezibel hoch

Quelle: http://www.allgemeine-zeitung.de/politik/rheinland-pfalz/geraeuschpegel-am-mittelrhein-noch-immer-bis-zu-100-dezibel-hoch_18048330.htm

Von Denise FrommeyerBOPPARD – Eine fantastische Gegend. Eine einzigartige Landschaft. Ein Juwel. Die Liste der Beschreibungen, die Frank Gross für das Mittelrheintal hat, ist lang. Doch die Idylle wird gestört. Im Drei-Minuten-Takt rasen die Güterzüge nachts durch seinen Wohnort Boppard. Auch tagsüber gibt es kaum Ruhe. Pro Jahr fahren hier rund 12 200 Güterzüge am Tag und etwa 15 600 in der Nacht. „Die Lärmbelästigung ist sehr hoch, vor allem weil sich der Lärm von beiden Rheinseiten, an denen die Gleise verlaufen, potenziert“, erklärt Gross. Laut Weltgesundheitsorganisation WHO sollte der nächtliche Geräuschpegel 40 Dezibel nicht überschreiten. Im Mittelrheintal werden 70, manchmal sogar bis zu 100 Dezibel erreicht, so das rheinland-pfälzische Umweltministerium.

Auswirkungen auf Infrastruktur und Tourismus

Gross, Vorsitzender des Bürgernetzwerks „Pro Rheintal“, ist wütend. Seit Jahren kämpft er für ein leiseres Mittelrheintal, demonstriert, rennt von Ministerium zu Ministerium. „Es ist frustrierend“, sagt er. „Es wird geplant, aber nichts getan. Die Leute werden mit den Problemen allein gelassen, sie sollen lieber leiden.“

Die Folgen seien deutlich spürbar: Die Menschen zögen aus der Gegend weg, die Zahl der Übernachtungsgäste gehe zurück. Das bemerkt auch Walter Bersch, Bürgermeister von Boppard, beschwichtigt aber: „Sicherlich wirkt sich der Bahnlärm darauf aus. Aber: Wir haben keine Leerstände, sogar einen angespannten Wohnungsmarkt. Mit rund 152 000 Übernachtungsgästen hatten wir trotz Lärm vergangenes Jahr das beste Ergebnis seit Bestehen der verbandsfreien Stadt.“ Noch scheint die Stadt also gut damit umgehen zu können. Und doch laufen die Anti-Bahnlärm-Maßnahmen nur schleppend an.

Für Gross stecken hinter der „Handlungsunfähigkeit der Politiker“ vor allem wirtschaftliche Gründe. Es gebe keine Vorschriften, keine richtigen Vorgaben für den Bahnverkehr. „Die Politik traut sich nicht, der Druck ist zu groß. Dabei wäre es auch im Interesse der Wirtschaft, etwas zu ändern. Ausgeschlafene Menschen können mehr leisten.“

63 Millionen Euro für den Lärmschutz

Zwar werden die Waggons der Güterzüge gemäß Schienenlärmschutzgesetz nach und nach auf Flüsterbremsen umgerüstet, doch davon merke man im Mittelrheintal bisher nicht viel, sagt Gross. „Die Masse an Zügen wird ja immer größer, die Wirtschaft ist im Aufschwung und sehr viele Modelle sind noch nicht umgerüstet. Es gibt also noch keine spürbare Erleichterung.“ Laut rheinland-pfälzischem Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau soll diese Maßnahme bis 2020 abgeschlossen sein, bis Ende Mai waren laut Bericht der Deutschen Presseagentur rund 47 Prozent umgerüstet.

Zusätzlich fließen rund 63 Millionen Euro in weitere Lärmschutzmaßnahmen wie etwa das Schleifen und Abschirmen der Schienen, heißt es vom Ministerium weiter. 7,7 Millionen Euro kommen dafür aus Rheinland-Pfalz. Ein Anfang, aber nicht die Lösung des Problems, so Gross. „Der Fehler ist, dass man nicht sofort die Quelle, nämlich die Züge, angegangen ist, sondern erst einmal auf andere Maßnahmen gesetzt hat.“

Die Themen Tempolimit und Nachtfahrverbot seien allerdings erst einmal vom Tisch. „Wir bräuchten dazu eine Studie, um die gesundheitlichen Risiken herauszustellen. Das wollen die Ministerien aber nicht, obwohl sie Verständnis für unsere Situation zeigen. Sie haben Angst, dass dann auch der Straßenlärm in den Fokus gerät. Da fehlen einem die Worte.“

Eine Alternativtrasse, die auch Bürgermeister Bersch befürwortet, hält Gross für unwahrscheinlich. „Auf der geplanten Strecke zwischen Troisdorf bei Köln und Mainz-Bischofsheim sind viele Berge; daher müssten viele Tunnel gebaut werden. Das wären Kosten in Milliardenhöhe. Das bezahlt kein Mensch!“ Das Wirtschaftsministerium sieht das anders. Auf Anfrage dieser Zeitung heißt es: „Eine alternative Güterzugstrecke zur Entlastung des Mittelrheintals ist aus Sicht des Landes unabdingbar. Leider ist sie vom Bund im Bundesverkehrswegeplan nicht berücksichtigt worden.“ Politisches Geschwätz, winkt Gross nur ab.

Bis sich hier spürbar etwas tut, wird es wohl noch einige Jahre dauern. Frank Gross will trotzdem weiter für ein leiseres Mittelrheintal kämpfen. „Wegziehen ist für mich keine Option. Diese Gegend hier ist einfach zu schön, um sie zu einem Frachttunnel verkommen zu lassen.“

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