10.11.2016 (Gundelfingen) Gutachten: Schutzwände bringen wenig

Büro legt Zwischenbericht der Analyse vor: Mehr Gundelfinger Bürger vom Bahnlärm betroffen als bisher angenommen.

  1. Ein Güterzug rauscht durch Gundelfingen – und verursacht dabei Lärm, der viele Bürger betrifft. Foto: Jonas Hirt

GUNDELFINGEN. Bahnlärm macht krank, das ist bekannt, und das wissen auch die Gemeinderäte in Gundelfingen. Am Dienstagabend wurde ihnen in einer Sitzung des gemeinderätlichen Bauausschusses der druckfrische Zwischenbericht zu diesem Thema vorgestellt – mit erschreckenden Zahlen: Nachts leiden demnach mehr als 2100 Gundelfinger unter Schallpegeln von mehr als 59 Dezibel.

Durch Gundelfingen verläuft die Rheintalstrecke – und diese gehört zu den meist befahrenen Strecken Deutschlands. Die Bürger in Gundelfingen klagen seit Jahren über den Lärm, der von den Zügen ausgeht. Das war Grund für die Gemeinde, eine Betroffenheitsanalyse beim Büro Misera in Auftrag zu geben. In der jüngsten Ratssitzung wurde nun der Zwischenbericht vorgestellt. Dieser zeigt auf, wo die Grenzwerte für eine Lärmbelästigung überschritten werden.

Bevor Berechnungen angestellt werden konnten, mussten die Fachleute des Ingenieurbüros die Bestandsdaten an die des Eisenbahn-Bundesamts (EBA) anpassen. „Das stellte sich als sehr schwierig und sehr aufwändig heraus“, sagte Daniela Misera bei der Vorstellung der Analyse. Mehr als 1300 Gebäude waren demnach in den EBA-Berechnungen nicht enthalten – auch die Lärmschutzwände waren nicht richtig vermerkt. Nicht nur die Gebäudedaten der EBA wichen von den realen Daten ab, auch bei der Betroffenenzahl gab es erhebliche Abweichungen: „Wir haben 30 Prozent mehr belastete Betroffene errechnet, als die Bahn es hat“, sagte Misera. Betroffen sind Bahn-Anwohner, die im 24-Stunden-Zeitraum bei Werten von 69 dB (A) leben oder nachts mit einem Pegelbereich von 59 dB (A) schlafen müssen. „Hier besteht absoluter Handlungsbedarf, denn wir haben am Tag 160 und nachts 2147 betroffene Einwohner errechnet“, sagt Misera. Der Maßstab dB (A) meint Dezibel bei Verwendung eines bestimmten Messfilters.

Als mögliche Gegenmaßnahmen könnten die bestehenden Lücken in den Lärmschutzwänden geschlossen werden. Insgesamt müssten hierfür 660 Meter angebaut werden. „Das bedeutet für die Bahn enorme Investitionen, rechnet man mit rund 1500 Euro pro Meter“, so Daniela Misera. Nach den Berechnungen ihres Büros würde aber auch das Aufstellen weiterer Lärmschutzwände kaum Entlastung bringen. „Zum einen weil sie nur auf einer Seite der Bahnstrecke stehen, und zum anderen stehen die Häuser zu nahe an der Bahnlinie.“ Nach den Berechnungen wären auch bei weiteren Lärmschutzwänden immer noch tagsüber 121 Bewohner und nachts 1979 Bürger vom Bahnlärm betroffen. Nach Meinung der Expertin wird sich die Deutsche Bahn auch nicht auf die hohe Investition für den Bau weiterer Lärmschutzwände einlassen mit der Argumentation, dass das dritte und vierte Gleis der Rheintalbahn kommen werde. Bis Ende des Jahres will das Büro alle Berechnungen sowie eine weitere Kosten-Nutzen-Analyse vorlegen. „Wir haben bereits vermutet, dass die wirklichen Betroffenheitszahlen höher liegen als die der Bahn. Aber neu und erschreckend ist es, dass es dennoch so viele Betroffene geben würde, wenn die Lärmschutzlücken geschlossen wären“, sagte Bürgermeister Raphael Walz. Peter Bertram (CDU) zeigte sich erschreckt über die geringe Lärmminderung. Er hofft, dass die Bahn ihre angekündigten Pläne zur Lärmreduzierung bald umsetzen wird. Karl-Christof Paul (SPD) bedankte sich für die akribische Datenerhebung: „Das hilft uns.“ Bereits ab einem Pegel von 55 Dezibel können Betroffene erkranken: „Und davon sind über 4000 Menschen in Gundelfingen betroffen“, sagte Paul, der auch Vorsitzender der Bürgerinitiative Alte Trasse ohne Krach und Katastrophe (Atokk) ist. Er hofft wegen der vorgelegten „mageren Zahlen“ auf die fertige Betroffenheitsanalyse bis Jahresende, um damit im neuen Jahr weitere Aktionen gegen den Bahnlärm starten zu können. „Bahnlärm zerstört die Gesundheit und wir nehmen das sehr ernst. Wir tun alles, damit der Lärm aufhört“, sagte auch Bürgermeister Walz.

Schalldruckpegel

Blätterrauschen und ruhiges Atmen am Ohr entspricht 10 Dezibel (dB (A)), ein Flüstern oder ein ruhiges Zimmer 20 bis 30 dB, ein normal laut sprechender Mensch kommt in einem Meter Entfernung auf 40 bis 60 dB, ein Fernseher auf Zimmerlautstärke in derselben Distanz auf 60 dB. Ein Auto, das in zehn Metern vorbeifährt, verursacht Lärm von 60 bis 80 dB, eine Hauptverkehrsstraße 80 bis 90 dB. 35 dB sind die obere zulässige Grenze bei Nachtgeräuschen in Wohngebieten, die Stressgrenze liegt bei 60 dB, Schädigungen des vegetativen Nervensystems und ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen beginnen bei 65 dB. Gehörschäden entstehen langfristig bei 85 dB, ab dieser Stärke ist in gewerblichen Arbeitsbereichen ein Gehörschutz vorgeschrieben. Die Schmerzschwelle liegt bei 134 dB.

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