17.10.2016 Täglich hunderte Züge: Bahnlärm im Rheintal: Jetzt fliehen die Menschen

Täglich hunderte Züge: Bahnlärm im Rheintal: Jetzt fliehen die Menschen

20.10.2016 Von Durch den neuen Gotthard-Basistunnel rücken Mittelmeer und Nordsee auf der Schiene näher zusammen. Experten rechnen mit einem weiteren Anstieg des Güter- und Warentransports auf der Schiene zwischen Genua und Rotterdam – die Güterzüge donnern mitten durch Hessen.

Anna Dahlen schaut aus dem Fenster ihres Hauses in Assmannshausen direkt auf die Gleise. Foto: Pieren Foto: Pieren Anna Dahlen schaut aus dem Fenster ihres Hauses in Assmannshausen direkt auf die Gleise. Foto: Pieren
Assmannshausen. Geruhsam tuckert das Ausflugsschiff auf dem Rhein stromaufwärts in Richtung Rüdesheim. Die Blicke der Passagiere auf dem Sonnendeck wechseln zwischen Burg Rheinstein auf Rheinland-pfälzischer Uferseite und den Ausflugslokalen am hessischen Rheinufer hin und her.

Dort sitzen die Tagesausflügler in Assmannshausen auf der Terrasse bei einem Stück Kuchen oder einer Portion Eis. Genüsslich blicken sie dabei auf die Rhein-Schifffahrt vor der Kulisse der imposanten Spornburg. Durch ein lauter werdendes Grollen, das zu einem mächtigen Donnern anschwillt, wird das Gespräch auf der Aussichtsterrasse jäh unterbrochen. Direkt hinter den Restaurants donnert ein Güterzug mitten durch den Ort.

„Pro Tag rollen 400 Güterzüge und 150 Personenzüge durch das Rheintal“, sagt Willi Pusch. Der Vorsitzende der Bürgerinitiative im Mittelrheintal gegen Umweltschäden durch die Bahn ist lärmgeplagter Rhein-Anwohner. „Mit Eröffnung des neuen Gotthard-Basistunnels und durch den Ausbau der Nordseehäfen in Rotterdam und Antwerpen werden in den kommenden Jahren zusätzlich täglich bis zu 75 Züge hinzukommen. Dann sind die Kapazitätsgrenzen endgültig erreicht.“

Europäischer Verbund

Nicht nur die Frequenz des aufkommenden Bahnlärms wird immer dichter. Nach Prognosen der Schweizerischen Bundesbahnen SBB werden die Güterzüge länger und schwerer: „Statt 580 Meter und 1600 Tonnen sind künftig 750 Meter lange und bis zu 2000 Tonnen schwere Züge durch den neuen Gotthard-Basistunnel zwischen Rotterdam und Genua unterwegs“, sagt Michael Stahlhut von der SBB Cargo International.

Wo was gepant ist

Die Bürger aus Assmannshausen und aus anderen Ortschaften im Mitterheintal werden vorerst keine Entlastung vom Güterzuglärm durch den Taunus-Westerwald-Tunnel bekommen.

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Auf der alten Gotthard-Bergstrecke mussten die Güterzüge von drei Lokomotiven 680 Höhenmeter erklimmen, der Basistunnel verläuft fast ebenerdig und schnurgeradeaus. Die Güterzüge passieren die Röhren mit nur einer Lok und bis zu 140 km/h Tempo. „Europa wird kleiner, denn die Fahrzeit zwischen Norden und Süden reduziert sich dramatisch um rund eine Stunde“, sagt Stahlhut.

Schon heute ziehen die Güterzüge einen Lärmteppich mit bis zu 110 Dezibel durch das Tal. „Ich kann nur noch die Gästezimmer auf der von der Bahnlinie abgewandten Seite vergeben. Die Kommentare von Gästen auf den Hotel-Vermittlungsportalen im Internet tun ihr übriges, dass immer weniger über Nacht bleiben“, sagt ein Hotelier aus Assmannshausen, der nicht genannt werden will. „Ich betreibe das Hotel in vierter Generation. Meine Kinder werden es gewiss nicht übernehmen. In zehn Jahren drehe ich den Schlüssel wohl endgültig rum.“

Zudem stehen immer mehr Wohnhäuser in Assmannshausen leer. Nach dem Fortzug der zumeist jüngeren Generationen und Familien bleiben die Immobilien unverkäuflich. In der hessischen Nachbarkommune Lorch sieht es nicht anders aus. Im gesamten rund 65 Kilometer langen Oberen Mittelrheintal – immerhin Unesco Weltnaturerbe – sieht es ähnlich aus. Häuser werden verlassen, Geschäfte und Hotels aufgegeben. Zwischen Rüdesheim und Bonn leben rund 150 000 Menschen, die Tag und Nacht von dem Lärm der Güterzüge in ihrer Gesundheit und dem allgemeinen Wohlbefinden schwer beeinträchtigt werden. Zum Glück bringt der Wandertourismus auf dem Rheinsteig neue Touristen.

Überforderte Gleise

„Wir sind nicht gegen die Bahn, im Gegenteil: Deutschland braucht eine moderne und leistungsstarke Bahn. Doch ist das Rheintal zum Güter-Transitkorridor geworden. Die Züge fahren hier auf einem 160 Jahre alten Gleisbett, das einst für eine Achslast von drei Tonnen ausgelegt war. Die heutigen Güterzüge haben eine Achslast von 22 Tonnen“, veranschaulicht Pusch, der zugleich Vorsitzender der Bundesvereinigung gegen Schienenlärm ist.

Zudem sei die Bremstechnik vieler Güterwagen völlig überaltert. Die so genannten Grauguss-Bremssohlen machen tatsächlich einen Höllenlärm. Doch der Protest der Bürgerinitiative und der lärmgeplagten Anwohner zeigt erste Erfolge. Hessen und Rheinland-Pfalz haben zusammen mit den Bürgerinitiativen und der Deutschen Bahn das Lärmschutzprogramm „Leises Rheintal“ verabschiedet.

Die Ergebnisse: Bislang sind 21 Vollzüge der Deutschen Bahn mit der neuen Brems-„Flüstertechnik“ umgerüstet worden, die den Lärm tatsächlich um rund zehn Dezibel verringern. Bei 180 000 deutschen Güterwagen ist das freilich erst ein Tropfen auf den heißen Stein. Zumal viele internationale Güterwagen, vor allem auch aus Osteuropa, durch das Rheintal unterwegs sind.

Doch die sogenannten Flüsterbremsen funktionieren nur dann optimal, wenn Räder und Gleise regelmäßig geschliffen werden. Im September hat Pusch die internationale Fachmesse für Verkehrstechnik (innotrans) in Berlin besucht. Was er dort gesehen hat, lässt ihn hoffen. „Scheibengebremste und gummigefederte Radsätze wie sie beim ICE im Einsatz sind, kosten für Güterzugwagen lediglich noch 28 000 Euro, die alte Technik nur 3000 Euro weniger“, sagt Pusch.

65 Millionen Euro haben der Bund, die Bahn sowie Hessen und Rheinland-Pfalz zusätzlich für den Bau von Lärmschutzwänden, Schienenstegdämpfern, Schienenschmieranlagen in Kurven, das Schleifen der Schienen und andere Maßnahmen zugesagt.

„Wegen des kurvigen Streckenverlaufs im Rheintal müssen die Schienen alle eineinhalb Jahre geschliffen und ausgetauscht werden. Vor drei Jahren sind die alten Holzschwellen gegen Betonschwellen ausgetauscht worden. Seither ist der Lärm nochmals angestiegen“, sagt Anna Dahlen aus Assmannshausen, die aus dem Schlafzimmerfenster im ersten Stock ihres Hauses direkt auf die Bahngleise schaut. „Der Lärm wird trotz vieler Versprechungen von Jahr zu Jahr schlimmer.“

Geblieben ist ihr der Traum von einem Entlastungstunnel, der die Bewohner des Rheintals vom zunehmenden Güterverkehr und der anschwellenden Lärmbelastung befreien könnte. Auf 118 Kilometern Länge könnte er nach der Vision des Bonner Bauingenieurs Dr. Rolf Niemeyer den Taunus und Westerwald zwischen Mainz-Bischofsheim und Troisdorf bzw. St. Augustin unterqueren und die leidgeprüften Bewohner des Mittelrheintals vom Bahnlärm befreien.

Quelle: http://www.fnp.de/rhein-main/Bahnlaerm-im-Rheintal-Jetzt-fliehen-die-Menschen;art801,2277503

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