25.8.2016 Von Rotterdam nach Genua (5)

Von Rotterdam nach Genua (5)

Keine Ruhe im Weltkulturerbe

Wer nachts im Mittelrheintal am Fluss steht, kann die Idylle so richtig genießen: Die Menschen in den Orten gehen früh zu Bett, Restaurants und Kneipen haben nur noch wenige Gäste. Der Rhein, Deutschlands zweitlängster Strom,  plätschert dahin, am anderen Ufer erheben sich die Berge, die den Fluss in sein kurvenreiches Bett zwängen. Es herrscht Ruhe, idyllische Ruhe.

Bis ein Geräusch die Stille beendet. Es schleicht heran, mehr wie ein fernes Rauschen, wird lauter und lauter und geht über in ein Poltern und Donnern. Lange bevor man den Güterzug sieht, hört man ihn. Er schiebt sich durch Dörfer und Städte, rattert über Weichen und quietscht durch die engen Kurven. Links und rechts des Rheins liegen je zwei Bahngleise. Das Mittelrheintal wirkt für den Krach, den der fahrende Zug verursacht, wie ein Trichter.
»Dieser Graben macht akustische Probleme«, sagt Frank Gross. Die Geräusche würden reflektiert, es gebe einen Nachhall, und die Räder der Züge verursachten in Kurven Reibungen an den Schienen. »Erst Totenstille – und dann taucht dieses Geräusch auf.« Die Menschen im Mittelrheintal leiden unter dem Bahnlärm, der vor allem Güterzügen geschuldet ist. In der Spitze würden bei Zugvorbeifahrten bis zu 110 dB(A) gemessen, sagt Gross weiter, der Dauerschallpegel liege bei 80 dB(A). Rund 400 Züge rattern pro Tag durchs Tal, »es können aber auch mal 500 sein«.

Frank Gross weiß, wovon er redet. Er ist das Sprachrohr und der Mitbegründer von Pro Rheintal, einer Bürgerbewegung am Mittelrhein, die dem Bahnlärm vor der Haustür den Kampf angesagt hat. »Nirgendwo sonst in Europa fahren so viele Züge wie durchs Rheintal, und nirgendwo sonst sind diese Züge so laut«, heißt es auf der Internetseite. Gross organisierte Bahnlärmkongresse, auf denen er Fachleute unterschiedlicher Disziplinen zusammenbrachte – Naturwissenschaftler, Ärzte, Juristen, Politiker und die Industrie.
Vor rund zehn Jahren formierte sich Pro Rheintal. Laut Gross lautete der Ansatz zu Beginn: das Problem Bahnlärm mit Vernunft und Überlegung erkennen und es lösen. Leichter gesagt als getan: Bahn, Bund und Land hätten anfangs keinerlei  Verständnis für das Anliegen gehabt. Die Landesregierung in Mainz habe die Anti-Lärm-Aktivisten »für verrückt« erklärt.

Doch mit Beharrlichkeit und Sachlichkeit setzte sich Gross durch. »Es war ein Prozess«, sagt er heute. Inzwischen sei bei den Beteiligten ein Lärmbewusstsein entstanden – auch aufgrund massiver Gegenwehr der Betroffenen. »Wir haben die Proteste relativ auf die Spitze getrieben.«

Heute wird mit technischen Eingriffen an Rollmaterial und Fahrweg versucht, den Krach der Züge zu minimieren. Gemeinsam mit der südbadischen IG Bohr, dem Zusammenschluss der Bahn-Bürgerinitiativen am Oberrhein, wurde laut Gross erreicht, dass die Güterwaggons mit sogenannten Flüsterbremsen umgerüstet werden. »Mit dem, was wir erreicht haben, müsste es 2020 erträglicher werden.« Auch das Aus für den »Schienenbonus« ist der Hartnäckigkeit der BIs zu verdanken.
Seit 2002 gehören die 67 Flusskilometer zwischen Bingen und Koblenz zum Unesco-Weltkulturerbe. Der besondere Schutzstatus der alten Kulturlandschaft nützt gleichwohl nicht allen Flussanrainern. »Es gibt Orte mit mehr Häusern als Einwohnern«, erzählt Gross. Wer es sich leisten kann, zieht weg, die Immobilien sind so gut wie unverkäuflich. Schlimme Stellen gibt es viele. Zum Bespiel das zu Boppard gehörende Örtchen Hirzenach. Hier ist die Wohnbebauung durch die B 9 und die auf einem Damm liegende Bahnstrecke vom Rhein abgeschnitten; der Bahnlärm fällt quasi auf die Häuser herab. Oder Oberwesel: Direkt vor der mehrere Hundert Meter langen Stadtmauer aus dem 13. Jahrhundert liegen die Bahngleise, die Mauer schützt immerhin den historischen Stadtkern vor dem gröbsten Lärm.

Auf Politik und Deutsche Bahn ist Frank Gross nicht wirklich gut zu sprechen. Adressat Bahn: »Eine funktionierende Eisenbahn macht keinen Lärm, der nicht erträglich wäre«, meint Gross. Und er nennt als Beispiel das antiquierte Bremssystem alter Güterwagen, die dafür sorgten, dass die Räder unrund würden. Dies wiederum mache die Gleise kaputt, und so schaukele sich der Krach weiter auf. Die Bahn habe 40 Jahre lang gar nichts gemacht – oder das Falsche.
Adressat Politik: Seit Langem, so erzählt es Gross, laufen Politiker jeglicher Couleur herum und fordern »immer, was gegen den Bahnlärm zu tun«. Aber keiner sagt, warum eigentlich. Macht Krach krank? Ist die Bahn lauter als gesetzlich erlaubt? Gross vermutet, dass Politiker  rechtliche Konsequenzen ihrer Aussagen vermeiden wollen. Schließlich gehört die Bahn dem Bund. Von 1974 bis heute sei die Bahn, so der Pro-Rheintal-Sprecher, um elf dB lauter geworden, während andere Verkehrsträger um 15 dB leiser wurden.
Wie ist dem Mittelrheintal zu helfen? Eine Chance auf Verbesserung beim Lärm wurden vor Jahrzehnten vertan. Als die heutige Schnellfahrstrecke Köln-Frankfurt geplant wurde,  lag der Plan zu einer Alternativtrasse vor; dort hätten tagsüber die schnellen ICE fahren können und nachts der Güterverkehr. Gebaut wurde die heutige Trasse, die aufgrund zu großer Steigungen für Güterzüge tabu ist. Das Land Rheinland-Pfalz sei damals dagegen gewesen, weil die Politik den ICE-Halt Montabaur durchsetzen wollte. Nun bremst immer mal ein ICE von Tempo 300 auf Null ab, um im 12 000-Einwohner-Nest halten zu können.

Diskutiert wird am Mittelrhein auch der Neubau einer Güterstrecke durch Eifel und Hunsrück. Den Gedanken findet Gross nicht charmant. »Das Konzept schwelt ein paar Leuten im Kopf«, meint er. Aber es sei viel zu teuer. Und mit dem Vertrösten auf einen Neubau, der erst in Jahrzehnten fertig sein könnte, werde nur erreicht, dass jetzt nicht gehandelt werde. Gehandelt werden müsse aber heute. Auch ein Tempolimit für laute Güterzüge hält Gross nicht für ein Allheilmittel. Wird der Zug langsamer, sinkt zwar  der Lärmpegel, dafür dauere die Vorbeifahrt – und damit die Dauer der Belästigung – länger.  Auch ein Nachtfahrverbot für Güterzüge, wie von vielen gefordert, könne nur die Ultima Ratio sein.
Frank Gross hält es gern praktikabel. Bund und Bahn, sagt er, hätten begriffen, dass es  um Emissionsschutz geht, nicht um Immissionen. Soll heißen: Man muss den Schall an der Quelle bekämpfen – am Rad und am Fahrweg –, dann braucht man den Lärm hinterher auch nicht mehr einzufangen, etwa mit Schallschutzwänden. »Das ist erst jetzt durchgedrungen.«

Entlastung für die Anrainer könnte auch die Umsetzung eines sogenannten Multi-Tunnel-Konzepts bringen: An den Schleifen des Rheins müssten Tunnel durch den Berg gebohrt werden, was zudem die zu fahrende Strecke verkürze. Andernorts, wo die Bahngleise direkt am Hang laufen, könnten Einhausungen Abhilfe schaffen.  Im Vergleich zu einer Neubaustrecke durch die Berge sei dieses Konzept viel billiger – und es erhöhe die Kapazitäten der Strecke.

Doch Gross schwant Übles. Er nennt es »den neuesten fiesen Trick«, der mit minimalem Einsatz maximalen Output erreicht. Die Bahn betreibt nach seinen Angaben derzeit Sanierungen an den Bestandsstrecken im Mittelrheintal. Da werden Hänge neu befestigt und Schwellen ausgetauscht. Zusammen mit modernen Zugsteuerungssystemen bekomme die Bahn so mehr Züge aufs Gleis, ohne neue Gleise bauen zu müssen. All das ist unter Bestandsschutz möglich, von Lärmreduktion also keine Spur.
 

Das ist die direkte Strecke von Rotterdam nach Genua mit dem Flugzeug (Google Maps).

Quelle: http://www.bo.de/nachrichten/nachrichten-regional/keine-ruhe-im-weltkulturerbe

Autor:
Andreas Richter
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Eine Antwort zu 25.8.2016 Von Rotterdam nach Genua (5)

  1. Michael Stelter schreibt:

    Es ist ein beschwerlicher Weg, nicht nur mit der Rheintalbahn, und er wird uns noch viele Mühen abverlangen. Aber der Bahnvorstand und unsere Regierungen in Berlin werden immer stärker unseren Atem in ihrem Nacken Spüren. Sie werden uns nicht mehr abschütteln können.
    Wir werden dafür sorgen, daß der Bahnvorstand und unsere Politiker in Berlin die Bahnstrecken
    so umrüsten, oder neu bauen und das Wagenmaterial auf Neuzeit bringen, das es nicht mehr Mensch und Umwelt verachtend daher kommt.
    Michael Stelter Freiburg

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