24.5.2016 Warum der neue Gotthard-Tunnel das Mittelrheintal erschüttert

Die Schweiz ist nicht ums Eck. Doch die Eröffnung des Gotthard-Bahntunnels am 1. Juni macht vielen Menschen im Mittelrheintal Angst. Aus gutem Grund.

Die Eröffnung des Gotthard-Basistunnels soll ein Jahrhundertereignis werden. Schließlich haben die Schweizer in jahrelanger Arbeit einen 57 Kilometer langen Eisenbahntunnel durch die Alpen gebohrt. Doch als Burkhard Albers, SPD-Landrat des Rheingau-Taunus-Kreises, abends in den Nachrichten die Fernsehbilder von den stolzen Schweizern und den Proben zur Eröffnungsfeier gesehen hat, war ihm keinesfalls zum Feiern zumute. „Die Bilder machen uns große Angst“, sagt Albers.

Landrat: „Alle drei Minuten ein Güterzug“

Der Landrat geht davon aus, dass der Güterzugverkehr im Mittelrheintal und im Unteren Rheingau mit der Eröffnung des Tunnels langfristig um 30 Prozent zunehmen wird. Denn mit dem Tunnel ist eine der größten Hürden für den Güterverkehr zwischen Mittelmeer und Nordsee genommen. Die Route führt direkt durch das Mittelrheintal, das unter anderem wegen seiner historischen Burgen und Schlösser und seiner malerischen Landschaft von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt wurde.

Die Route des Rhein-Alpen-Korridors durch das Nadelöhr Mittelrheintal 

Das strukturschwache und größtenteils von Tourismus abhängige Gebiet beherbergt schon jetzt eine der am stärksten befahrenen Schienenstrecken Europas. „Wir stellen uns darauf ein, 24 Stunden am Tag alle drei Minuten einen Güterzug vorbeidonnern zu sehen“, beschreibt Albers das Zukunftsszenario.

Mit der Eröffnung des Gotthard-Basistunnels können pro Tag 260 Güterzüge den Gotthard durchqueren statt bisher maximal 180. „Italien ist einer unserer wichtigsten Märkte, der künftig noch wachsen wird“, so die Deutsche Bahn. Da passt es gut, dass der neue Tunnel – der den Güterverkehr zwischen Italien und den Niederlanden verknüpft – auch die Voraussetzungen für längere und schwerere Züge erfüllt.

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Gleise von Genua nach Rotterdam

Der Gotthard-Basistunnel wird am 1. Juni feierlich eröffnet und soll am 11. Dezember 2016 in Betrieb gehen. Dies ist ein erster Schritt, um im so genannten Rhein-Alpen-Korridor Nordsee und Mittelmeer miteinander zu verknüpfen und künftig mehr Güterverkehr auf die Schienen zu verlagern. Die Gleise verknüpfen die Seehäfen Genua (Italien) mit Rotterdam (Niederlande). In Deutschland führt die Strecke direkt durch das Mittelrheintal. Der Ausbau des Rhein-Alpen-Korridors wird in den nächsten Jahren weitergeführt.

Ende der weiteren Informationen

Schon jetzt rumpeln täglich rund 500 Züge dicht an den Häusern des schmucken Rheintals vorbei. Bei rund 400 davon handelt es sich um Güterverkehr. Maßen die Züge bisher maximal 850 Meter, rechnet Albers für die Zukunft mit einer Länge von bis zu 1,25 Kilometern.

„Man kann sich lebhaft vorstellen, was das für die an der Zugstrecke lebenden Menschen bedeutet. Bei uns verfallen jetzt schon die Grundstücke.“ Dabei geht es laut dem Landrat nicht nur um den Bahnlärm von bis zu 110 Dezibel, sondern besonders um die von den schweren Güterzügen verursachten Erschütterungen: „Häuser wackeln, Wände bekommen Risse, Grundstückspreise fallen, es schadet dem Tourismus. Immer mehr Menschen geben auf und ziehen weg.“

Gibt es doch noch eine Chance für das Mittlere Rheintal?

Albers fordert Nachtfahrverbote und Geschwindigkeitsbegrenzungen für Güterzüge in den bebauten Ortslagen. Auch die Hoffnung auf eine Alternativstrecke, die das lärmgeplagte Mittelrheintal entlasten könnte, will er noch nicht aufgeben. Doch mit der Realisierung sieht es vorerst schlecht aus: Wie im März bekannt wurde, ist der Bau einer neuen Güterzugtrasse außerhalb des Mittelrheintals in dem Entwurf für den Bundesverkehrswegeplan 2030 nur als Vorhaben mit potentiellem Bedarf eingestuft worden. Albers ist enttäuscht: „Wir fühlen uns von der Politik in Berlin verraten und verkauft.“

Loreleyfelsen bei St. Goar (Rheinland-Pfalz) inmitten des UNESCO-Weltkulturerbegebiets Mittelrheintal 

Hessens Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) gibt sich derweil optimistisch. „Wir bemühen uns als Land Hessen darum, die Ausweichstrecke für das Mittlere Rheintal noch in den vordringlichen Bedarf des Bundesverkehrswegeplans zu bekommen“, sagte er hessenschau.de. Er habe deshalb im vergangenen Jahr Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CDU) gebeten, eine Expertengruppe einzurichten.

Die Expertengruppe solle weitere Untersuchungen durchführen und damit die Voraussetzung für die Aufnahme in den vordringlichen Bedarf schaffen. Dobrindt  habe zugestimmt, die Gruppe solle in Kürze ihre Arbeit aufnehmen, so Al-Wazir. „Wenn die Bewertungsergebnisse da sind, werden die Voraussetzungen dafür vorliegen, dass das Vorhaben automatisch in den vordringlichen Bedarf nachrücken kann.“

Bundesverkehrswegeplan könnte über Zukunft entscheiden

Einem auch nur temporär beschränkten Güterzugverbot für das Mittlere Rheintal steht Al-Wazir hingegen kritisch gegenüber: „Dies hätte nur eine Verlagerung auf die Straße zur Folge – mit unabsehbaren zusätzlichen Belastungen an anderer Stelle.“

Für SPD-Landrat Albers hängt somit von dem Bundesverkehrswegeplan die Zukunft der Region ab: „Wenn die Ausweichstrecke nicht in den vordringlichen Bedarf kommt, wird das Rheintal sterben.“

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